Die Backwaters

Heute ging es hinaus aus den Bergen - die Backwaters waren unser Ziel. Bei den Backwaters handelt es sich um ein Netzwerk von Kanälen, Flüssen und Seen die ein fast 2000 qkm großes Gebiet bedecken. Die Region heißt eigentlich Kuttanad, hier mischen sich die Flüsse der Western Ghats mit dem salzigen Wasser des Arabischen Meeres. Eine Landschaft wurde geformt, die nicht mehr ganz Wasser, aber auch nicht ganz Erde ist. Die rund 1500 km langen Wasserwege ziehen sich von Kochi im Norden bis Kollam im Süden, von Kottayam im Osten bis Alappuzha im Westen und sind von üppiger Vegetation umgeben. Seit Jahrhunderten werden sie als Handels- und Verkehrswege genutzt, denn Kuttanad ist ein fruchtbares Land und gilt als Reiskammer Indiens. Aber auch Kokospalmen, Kautschuk und Bananen gedeihen auf den unzähligen Inseln, die mit Dämmen vor Versalzung geschützt werden müssen und bis zu 2,20 m unter dem Meeresspiegel liegen.

Gut 2 Mio. Menschen wohnen in den Städten und kleinen Dörfern entlang der Kanäle. Die meisten leben von der Landwirtschaft, arbeiten in der Kokosverarbeitung oder anderen Kleinstindustrien. Kinder werden mit Booten zur Schule gebracht und die Erwachsenen zur Arbeit. Die Nutzung einer der wenigen Straßen würde zumeist nur einen Umweg bedeuten. Die alten Kettuvallam, alte Lastboote, wurden umgebaut und befördern heute Touristen statt Kopra und Sand. Sie sehen aus wie fasrige, braune Kokosnüsse, in deren Gehäuse gibt es allerdings gemütliche Kabinen. Ungefähr 15 m lang und ohne einen einzigen Nagel zusammengefügt tuckern diese Gefährte mit knappen 5 - 10 km/h durch die atemberaubende Natur. Für die nächsten Tage sollte eines dieser Hausboote unser "Zuhause" sein. So nahmen wir in Kumarakom Abschied von Bayju, unseren sicheren Fahrer. Wir hatten Glück mit ihm, hatte er nicht nur den Wagen im Griff, er konnte auch sehr gut erklären und gab uns viele nützliche Informationen. An Bord gekommen, wurden wir erst einmal von der Crew begrüßt. Vier Mann wollten sich die nächsten Tage um uns kümmern. Kapitän, Maschinist, Koch und ein Führer - so wird die Crew auf so einem Hausboot zusammengestellt. Zunächst musste noch eingekauft werden, alkoholische Getränke sind nicht im Preis inbegriffen und unterwegs auch nicht zu bekommen. Lebensmittel werden täglich frisch eingekauft, so wurde erklärt. Unser Boot hatte zwei Kabinen, wir suchten uns eine aus. Der Weg zum Oberdeck (oder Sonnendeck) wurde gezeigt - Vorsicht mit den Köpfen - die Wendeltreppe ist eng. Dann ging die Fahrt auch schon los.

Wir fuhren direkt auf den Vembanad Lake. Windig war es hier und das Boot, für flache Gewässer ausgelegt, schaukelte ganz schön. Gleich wurde uns ein mehrgängiges Mittagsmenue gereicht. Was für Leckereien! Wir nehmen es hier einmal Vorweg, das Essen sollte für die nächsten Tage eine unserer Hauptbeschäftigungen werden. Eine Reise durch das kulinarische Kerala sonder gleichen. Der Tagesablauf sah wie folgt aus = mehrgängiges Frühstück / Zwischenmahlzeit / mehrgängiges Mittagsmenue / Zwischenmahlzeit / mehrgängiges Abendmenue. Alle Speisen von höchster Qualität und super zubereitet. Solltet ihr auch so eine Tour machen wollen, esst bloß nicht so viel vorab. So lecker alles schmeckt, man bekommt es einfach nicht auf und der Koch ist stets beleidigt, weil etwas übrig bleibt. 

Dann tauchten wir ab in die tropische Welt der Backwaters. Grazile weiße Kirchen, kleine schmucke Tempel, Moscheen und Dörfer ziehen vorbei. Die unendlich wirkenden Reisfelder schimmern durch die Palmen und stahlblaue Eisvögel schwirren durch die Luft. An irgendeinem Dorf wird gehalten und Lebensmittel eingekauft. Immer wieder wurde ein Stop eingelegt, um eine Sehenswürdigkeit oder andere interessante Dinge zu entdecken. Rot ist der Sonnenuntergang, Rot der Sonnenaufgang. Über Nacht wird in einem See geankert oder scheinbar fernab von allem am Ufer angelegt. Etwas vorsichtig mit seinen Habseligkeiten sollte man sein, leider versuchen immer wieder einige Diebe des Nachts an Bord zu kommen - daher auch die abgelegenen Liegeplätze. Gerade die vier Tages Tour führt in wirklich abgelegene Gegenden, die Kinder rufen nicht nur "give Pen, give Pen", sondern scheinen sich hier wirklich zu freuen einen zu sehen. Die Frauen waschen die Wäsche scheinbar Tag und Nacht an den Ufern. Tiere gibt es Zuhauf zu beobachten. Eines Abends konnten wir uns an Flughunden nicht satt sehen. Oder wir erinnern uns an riesige Entenfarmen - der Entenhirte auf dem Boot musste alle im Griff haben. Eine wirkliche Idylle, scheinbar perfekt.

Bei all dieser Schönheit sollte man nicht vergessen, das labile Ökosystem der Backwaters ist vielen Bedrohungen ausgesetzt. Pestizide und Industrieabfälle, wie auch Fäkalien führen immer wieder zu Fischsterben. Auch das immense Wachstum der Wasserhyazinthen nimmt den Tieren den Lebensraum und Sauerstoff. Nicht zuletzt auch der zunehmende Bootsverkehr. Die Regierung achtet auf saubere Boote (effektiver wäre es auch auf die Pestizide, Fäkalien und andere Umweltgifte zu achten - nicht nur Touristen machen Dreck) und zertifiziert saubere Boote mit einem Zertifikat aus. Ehrlich, es geht auch ohne Klimaanlage und mit Moskitonetz. Wir haben es überlebt und werden die fantastischen Eindrücke nicht vergessen.